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Thomas Postina
Thomas Postina, Geschäftsführer von PPR, bloggt über eines der spannendsten Themen unserer Gesellschaft: das Gesundheitswesen.
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Gleich zwei Kommissionen haben im März ihre Arbeit an einer künftigen Gesundheitsreform aufgenommen, nämlich – erstens – die Regierungskommission und – zweitens – die Reformkommission des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Während die kundigen Beobachter bei der zweiten Kommission immerhin schon wissen, was am Ende an Vorschlägen und Forderungen herauskommen wird – nämlich eine Stärkung der solidarischen Absicherung gegen Krankheitsrisiken innerhalb der Gesetzlichen Krankenversicherung und die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung durch Arbeitnehmer und Arbeitgeber –, ist das Ergebnis der Regierungskommission trotz Koalitionsvertrag längst nicht absehbar.
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Der staunt der Laie und der Fachmann wundert sich: Endlich hört der Gesetzgeber auf den Rat seiner wissenschaftlichen Weisen und führt – was auch die pharmazeutische Industrie immer wünschte - mehr Wettbewerb ins Gesundheitssystem ein. Und nun hält sich die Begeisterung doch sehr in Grenzen. Stein des Anstosses sind die Rabattverträge, die aufgrund von Ausschreibungen zustande kommen.
Der Grund des Ärgers liegt auf der Hand: Einer Fülle von Arzneimittelherstellern steht eine überschaubare Zahl gesetzlicher Krankenkassen mit teilweise erdrückender Marktmacht gegenüber. Die Allgemeinen Ortskrankenkassen allein kommen auf einen Marktanteil von 41 Prozent. Unter diesen Umständen kann von gleichlangen Spießen und fairem Interessenaustausch keine Rede sein. Und dies wird besonders bei den Ausschreibungen zu Rabattverträgen deutlich.
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt hat den Mund recht voll genommen. Noch am selben Tag, an dem das Bundeskabinett den einheitlichen Krankenkassenbeitrag fürs nächste Jahr auf 15,5 Prozent festgesetzt hatte, überraschte die Ministerin mit der Versicherung, dieser Satz werde auch 2010 Bestand haben.
Wer das Gerangel um die Beitragshöhe miterlebt hat, der kann sich nur die Augen reiben. Nicht einmal der Schätzerkreis, dem Vertreter des Bundesversicherungsamts, des Gesundheitsministeriums und der Krankenkassen angehören, hatte sich auf eine Empfehlung an das Kabinett einigen können: die Kassenvertreter, die auf 15,8 Prozent beharrten, kämpften auf verlorenem Posten. Die Höhe des Krankenkassenbeitrags stand – darauf deuten viele Aussagen im Vorfeld hin - bereits vor Sitzungsbeginn fest.
Bundestagswahl ist erst im Herbst 2009. Doch schon jetzt beginnen sich die Parteien für den Kampf um Wählerstimmen in Stellung zu bringen. Ausgerechnet die Politiker der Großen Koalition, von deren gemeinsamer Mehrheit im Parlament die Wähler die Lösung der großen Probleme der sozialen Sicherungssysteme erhofft hatten, überbieten sich in der Ankündigung neuer Wohltaten für die Bürger.
Im Fokus: die unteren Einkommensschichten. Sie sollen entlastet werden. Da dies durch Senkung des Eingangssteuersatzes nicht möglich ist - denn immerhin müssen rund zwanzig Prozent aller Bürger schon heute überhaupt keine Lohn- oder Einkommenssteuern entrichten – sind die Sozialabgaben in den Blick geraten. Denn Beiträge an Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung muss jeder Arbeitnehmer zahlen - und sei sein Einkommen noch so gering.
„Durch Deutschland muss ein Ruck gehen.“ Zehn Jahre ist es schon her, dass Bundespräsident Roman Herzog diesen Ruck in seiner berühmt gewordenen „Berliner Rede“ anmahnte und schonungslos auf gravierende Fehlentwicklungen in unserer bequem gewordenen Gesellschaft hinwies. Getan hat sich seither wenig. Erst im vergangenen Jahr ruckte es merklich - wenn auch in eine andere Richtung, als es sich Roman Herzog wohl dachte.
Rief er noch nach einer Gesellschaft, in der sich die Bürger zunächst auf eigene Stärken verlassen und die eigenen Fähigkeiten mobilisieren, ehe sie nach dem Staat rufen, so erlebten wir im zurückliegenden Jahr das krasse Gegenteil. Statt einer Reformpolitik, die den Menschen und den Unternehmen Freiheiten und Chancen eröffnet, überbieten sich die Parteien in ihrem Bemühen, unter allen Lebensrisiken der Bürger staatliche Auffangnetze einzuziehen.
Kosten-Nutzen-Bewertung: Streitpunkt bleibt Mitwirkung der Arzneimittelindustrie
01 Dez 07
Thomas Postina
Das neue Jahr beginnt mit Ärger: Für Ende Januar nämlich hat der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Professor Peter Sawicki, den Entwurf eines Methodenpapiers zur Kosten-Nutzen-Bewertung von Arzneimitteln angekündigt. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen: dieses Papier birgt Zündstoff.
Immerhin geht es für die Arzneimittelhersteller um nichts Geringeres, als um ihre Chancen auf dem deutschen Markt. Ein negatives Votum des IQWiG, wird es vom Gemeinsamen Bundesausschuss übernommen, kann alle unternehmerischen Planungen des jeweiligen Anbieters zunichte machen. Andererseits haben die Krankenkassen die qualitativ hochwertige Versorgung ihrer Versicherten zu möglichst geringen Kosten im Sinn. Ihnen sind teure Innovationen schon lange ein Dorn im Auge.
Trotz des anhaltenden Widerstands der Apotheker gegen die Rabattverträge, trotz der Klagen über die Lieferfähigkeit, trotz – oder wegen – der erheblichen Marktanteilsverschiebungen scheinen sich die individuellen Preisvereinbarungen zwischen Arzneimittelherstellern und Krankenkassen zu einer Erfolgsstory für die Krankenkassen und ihre glücklichen Vertragspartner zu mausern. Die Firmen stehen offenbar Schlange, um in der zweiten Runde der AOK-Ausschreibungen dabei zu sein, berichtete Dr. Christopher Hermann, der stellvertretende Chef der AOK-Baden-Württemberg auf der „Pharma Convention“ des Colloquium Pharmaceuticums in Berlin. Auf 450 Millionen Euro pro Jahr schätzt er allein das Einsparvolumen bei den Ortskrankenkassen, von denen 50 Millionen entgangener Zuzahlung abgerechnet werden müssen.
Das politische Berlin ist in die jahreszeitlich bedingte Sommerstarre gefallen. Nach dem sich die Abgeordneten auf den verregneten Sommerfesten der Verbände nasse Füße geholt hatten, genießen sie nun ihre Parlamentsferien. Die Ministerialbeamten – soweit sie nicht auch verreist sind - werkeln ungestört an den letzten Ausführungsbestimmungen der Gesundheitsreform. Auch von den Rabattverträgen hört man wenig, nachdem die AOK zwei Not leidende Verträge gekündigt hat. Nur die Ärzte versuchen noch krampfhaft das zerschlagene Porzellan zu kitten, das vom Scherbengericht an der KBV-Spitze übrig blieb. Also alles paletti in Berlin?
Von der Ruhe sollte sich niemanden täuschen lassen. Schon werden Schuldzuweisungen für den Fall vorbereitet, dass die Gesundheitsreform finanziell doch nicht das bringen sollte, was ihre politischen Mütter und Väter versprachen.
Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln hat zweifellos eine undankbare Aufgabe: Neutral und unabhängig soll es die Qualität, den therapeutischen Nutzen und – ab sofort auch - das Kosten-Nutzen-Verhältnis von medizinischen Leistungen und Arzneimitteln sowie die Sinnhaftigkeit von Behandlungsleitlinien bewerten.
Dass seine Urteile nicht jedem gefallen, liegt in der Natur der Sache. Welcher Hersteller von Medizinprodukten oder Arzneimitteln lässt sich schon gerne bescheinigen, dass sein Produkt gegenüber vergleichbaren Erzeugnissen schlechter abschneidet oder dem Patienten keinen zusätzlichen Gewinn bietet. Ein negatives Votum, wird es vom Gemeinsamen Bundesausschuss übernommen, kann den jeweiligen Anbieter teuer kommen.
Das Gerangel um die Gesundheitsreform ist vorbei: Am 2. Februar hat der Bundestag dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz (GKV-WSG) sein Plazet gegeben. Mitte Februar stimmte auch der Bundesrat zu. Damit kann zum 1. April das wohl umstrittenste Gesetzeswerk der letzten Jahrzehnte in Kraft treten.
43 Abgeordnete der Koalitionsparteien haben bei dieser Entscheidung persönlichen Mut bewiesen und innerparteiliche Abstrafungen billigend in Kauf genommen: Sie entschieden in namentlicher Abstimmung gegen das Reformvorhaben, acht wahrten mit einer Enthaltung Distanz und immerhin 18 drückten sich durch Abwesenheit um ein Bekenntnis für oder gegen das Gesetz herum.
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