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Thomas Postina
Thomas Postina, Geschäftsführer von PPR, bloggt über eines der spannendsten Themen unserer Gesellschaft: das Gesundheitswesen.
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GKV
Die einkommensunabhängige Gesundheitsprämie ist eines der wenigen Konzepte, die einen Ausweg weisen aus der demografische Falle, in der die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) gefangen ist: Der Anteil der nicht mehr Erwerbstätigen steigt, das Verhältnis von Erwerbseinkommen zu anderen, nicht mit Gesundheitsabgaben belasteten Einkommensarten, etwa Miet- und Kapitaleinkünfte, verschiebt sich. Eine Lösung kann nur die Entkopplung der Finanzierung von den Erwerbseinkommen bringen. Darin sind sich nahezu alle Fachleute und Ökonomen einig.
Die Gesundheitsprämie bietet dazu die Chance, weil sie erstens: alle Einkommensarten umfasst, nämlich auch Mieteinnahmen oder Kapitalerträge, und zwar nicht nur der GKV-Versicherten, sondern zweitens auch all derjenigen, die Steuern zahlen müssen, also auch der Privatversicherten. Die Gesundheitsprämie zwingt also auch jene, ihr Scherflein zu den Gesundheitskosten beizutragen, die sich dank eines über der Beitragsbemessungsgrenze liegenden Einkommens aus der Solidargemeinschaft der gesetzlichen Krankenversicherten verabschieden können.
In Berlin zeigt sich ein erfreulicher neuer Trend: Die Gesundheitswirtschaft wird nicht mehr nur durch die sozialpolitische Brille als Kostenfaktor gesehen, der die Wirtschaft per Lohnnebenkosten erheblich belastet und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit einschränkt. Die neue Führung des Gesundheitsministeriums ist erkennbar bemüht, die Gesundheitsbranche als wichtigen Wirtschaftssektor darzustellen, der Arbeitsmarkt und Konjunktur gerade in Zeiten der Krise stabilisiert.
Äußeres Zeichen war der „Zukunftskongress Gesundheit“, zu dem das Gesundheitsministerium Ende April eingeladen und dessen Bedeutung die Kanzlerin mit ihrem Besuch aufgewertet hatte.
In der Tat sind die Zahlen beeindruckend: 90.400 Arztpraxen, 22.600 Pflegeeinrichtungen, 21.600 Apotheken, 11.000 Medizintechnik-Unternehmen, 10.000 Klein-Unternehmen, 2100 Krankenhäuser, 975 Arzneimittelhersteller, 166 gesetzliche und 46 private Krankenkassen sind in Deutschland in diesem Sektor tätig.
Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) hat in diesem Sommer ihr 125-jähriges Bestehen gefeiert. Auf der Festveranstaltung in Berlin sprachen die Bundeskanzlerin, der Arbeitgeberchef und der DGB-Vorsitzende. Und so unterschiedlich ihre Bewertungen und Forderungen zur GKV auch waren, eines einte sie: das Lob der Selbstverwaltung.
Sie ist das tragende Prinzip der GKV. Arbeitnehmer und Arbeitgeber verwalten ihre Krankenkassen seit Gründung eigenständig. Die Leistungen für die Mitglieder und ihre Honorierung wiederum handeln sie in der Gemeinsamen Selbstverwaltung mit den jeweiligen Selbstverwaltungsorganen der Vertragsärzteschaft, der Krankenhäuser und Apotheker aus. Die Politik muss – so zumindest die Theorie - lediglich die Rahmenbedingungen festlegen.
Die Vorteile der Selbstverwaltung liegen in ihrer dezentralen Struktur. Entscheidungen basieren auf praktischen Erfahrungen und werden von denen gefällt, die auch damit leben müssen. Zudem sind solche Entscheidungen, auch oder gerade, weil lange um sie gerungen wird, demokratisch legitimiert und damit tragfähig.
Bundestagswahl ist erst im Herbst 2009. Doch schon jetzt beginnen sich die Parteien für den Kampf um Wählerstimmen in Stellung zu bringen. Ausgerechnet die Politiker der Großen Koalition, von deren gemeinsamer Mehrheit im Parlament die Wähler die Lösung der großen Probleme der sozialen Sicherungssysteme erhofft hatten, überbieten sich in der Ankündigung neuer Wohltaten für die Bürger.
Im Fokus: die unteren Einkommensschichten. Sie sollen entlastet werden. Da dies durch Senkung des Eingangssteuersatzes nicht möglich ist - denn immerhin müssen rund zwanzig Prozent aller Bürger schon heute überhaupt keine Lohn- oder Einkommenssteuern entrichten – sind die Sozialabgaben in den Blick geraten. Denn Beiträge an Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung muss jeder Arbeitnehmer zahlen - und sei sein Einkommen noch so gering.
Spätestens als SPD und Grüne ihre Ideen von der Bürgerversicherung als Allheilmittel für das Gesundheitswesen entwickelt hatten, kühlte das Klima für die Private Krankenversicherung (PKV) spürbar ab. Seit Herbst letzten Jahres müssen sich die PKV-Manager noch wärmer anziehen. Der Wind, der aus der Berliner Wilhelmstraße herüber bläst, ist an schneidender Kälte kaum noch zu überbieten.
Im Gesundheitsministerium, das dort noch seinen Sitz hat, wird die PKV – so scheint es - nur noch als lästiges Überbleibsel aus einer Zeit gesehen, in der die gesetzliche Krankenversicherung eine Versicherung für Bedürftige war und längst nicht allen Menschen offen stand. Insbesondere Reiche und Begüterte – so glaubte man – bedürften nicht des Schutzes eines sozialen, staatlichen Sicherheitsnetzes, sondern sie könnten und sollten gefälligst für sich alleine sorgen.
Arzneiversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz belastet Pharma-Industrie einseitig
01 Dez 05
Thomas Postina
Kurz vor Weihnachten hatte die alte und neue Gesundheitsministerin Ulla Schmidt noch eine frohe Botschaft zu verkünden: Die gesetzlichen Krankenkassen sind voraussichtlich zum Jahresende schuldenfrei. Von Januar bis September haben sie einen Überschuss von 882 Millionen Euro erzielt, der sich dank Weihnachtsgeld im vierten Quartal weiter erhöhen soll. Damit sind zumindest theoretisch alle Schulden gedeckt, die die GKV bis 2003 angehäuft hatte.
Die frohe Botschaft wird jedoch durch die Tatsache getrübt, dass dieser Schuldenausgleich allein den Zuweisungen des Bundes zu verdanken ist. In zwei Tranchen hat der Finanzminister 2,7 Milliarden Euro an die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zur Finanzierung versicherungsfremder Leistungen überwiesen. Ohne dieses Geld wären die Kassen erneut im Defizit versunken. Auch für das Jahr 2006 sind im Haushalt 4,2 Milliarden an Bundeszuwendungen vorgesehen. Die Botschaft der Ulla Schmidt ist – bei Lichte besehen – also gar nicht so fröhlich, wie sie sich auf den ersten Blick ausnimmt – zumal dieser Bundeszuschuss bis 2008 wieder auf Null zurückgefahren werden soll.
Wenn es nicht gerade weh tut, dann nehmen es die Bundesbürger mit ihrer Gesundheit nicht so genau. Politiker und Krankenkassen kann dies nur recht sein. Denn würden die Bürger alle Leistungen in Anspruch nehmen, auf die sie ein Recht haben und die als politisch korrekt gelten, dann lägen die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenkassen noch um einige Milliarden höher.
Allein 1,56 Milliarden Euro würde es kosten, wenn alle Versicherten die von der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) angebotenen Früherkennungsuntersuchungen in Anspruch nehmen würden. Tatsächlich sind es jedoch nur 520 Millionen. 1,2 Milliarden Euro müssten die Kassen berappen, wenn sich alle GKV-Versicherten impfen ließen. Tatsächlich zahlen sie für Schutzimpfungen jedoch nur 680 Millionen Euro.
Und wüssten alle Diabeteskranken von ihrem Leiden oder würden sich alle, die ihre Diagnose kennen, entsprechend behandeln lassen, dann kämen die Kassen bei weitem nicht mehr mit 14,6 Milliarden aus, die sie etwa für diese Krankheit und ihre Folgen im Jahr hinblättern müssen.
Über Politikverdrossenheit muss sich in Deutschland niemand wundern, am wenigsten die Politiker selbst. Da werden Gesetze verabschiedet, im Bundesanzeiger veröffentlicht und damit rechtskräftig. Doch kaum sollen sie erstmals angewandt werden, da heißt es plötzlich: So haben wir sie gar nicht gemeint.
Solche Gesetze wurden bisher – was gerade im Gesundheitswesen leider häufig vorkam - vom Parlament oft noch einmal kurzfristig geändert und ihre Fehler durch ein neues Gesetz repariert. Dass solche Flickschusterei notwendig ist, spricht nicht für die Qualität der Gesetzgebung. Immerhin aber wurden dabei die demokratischen, parlamentarischen und rechtlichen Usancen eingehalten.
Die Spitzenorganisation der Apotheker, die ABDA, teilte den Medien Ende Januar per Pressemitteilung mit: „Bei den Arzneimittelausgaben hat die Gesundheitsreform auch im Dezember 2004 gut gewirkt. ... Nach ersten Analysen des Deutschen Apothekerverbandes betrugen die effektiven Einsparungen, die durch das Reformgesetz im vergangenen Jahr erzielt wurden, im Einzelnen:
- Ausschluss der OTC-Präparate: 1,4 Milliarden Euro
- Patientenzuzahlung: 0,6 Milliarden Euro
- Erhöhung des Herstellerrabatts: 1,0 Milliarden Euro
- Halbierung der Großhandelsmargen und Umstellung der Apothekenvergütung: 0,8 Milliarden Euro
Die gute Wirkung, welche die ABDA dem GKV-Modernisierungsgesetz bescheinigt, zeigt die Abhängigkeit der Arzneimittelindustrie von der Gesetzlichen Krankenversicherung deutlich. Ihre Weiterentwicklung bestimmt auch die Chancen der pharmazeutischen Industrie in Deutschland mit. Daher lohnt es sich, die derzeitige Debatte zu verfolgen, bei der es vordergründig um die Frage geht: Hat die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) nun ein Einnahmeproblem oder ein Ausgabeproblem?